An was denkst du bei bei der Stadt „Santiago de Compostela“? Diese kleine und so berühmte Stadt im Nord-Westen Spaniens ist jedes Jahr das Ziel von tausenden von Pilgern. Sie gehen den Jakobsweg, der berühmteste Pilgerweg der Welt und beenden ihre Reise in Santiago de Compostela.

Wir Anna&Matt, waren in Santiago de Compostela. Bevor wir ankamen, wussten wir nicht wirklich, was uns erwarten wird. Aber eines wussten wir: Viele Pilger werden sich vor der Kathedrale von Santiago de Compostela einfinden, dem Punkt Null des Jakobwegs. Dieser eine Punkt, an dem Menschen aus den verschiedensten Ecken der Welt zusammentreffen um gemeinsam mit neuen Freunden ihren Triumph zu feiern.

Wir setzten uns auf den „Plaza de Obradoiro“, dem Platz vor der Kathedrale. Wir schauten und hörten zu. Es ist Ende Oktober, das Wetter ist mittlerweile auch in Spanien abgekühlt. Um diese Jahreszeit kommen „nur noch“ hunderte von Pilger jeden Tag um die Kathedrale zu besuchen. Es ist ein sehr emotionaler Ort. Nach einer Zeit sprechen wir mit verschiedenen Pilgern. Wie sich herausstellte, ist Religion das seltenste Motiv um sich auf den Jakosbweg zu begeben. Und sie spielt auch fast keine Rolle bei den Emotionen, die sich hier auf dem Platz von Kilometer Null abspielen. Einige Pilger vergießen Tränen, freuen sich, lachen, sind traurig – alles fast gleichzeitig. Sie haben gerade eine weite Reise erfolgreich beendet. Eine Reise voller Schmerzen, Hindernisse und Glücksmomenten. Sie haben es geschafft und auf dem Weg viel neues über sich selbst erfahren, viele neue Menschen kennen und schätzen gelernt.

Wir sprachen mit ein paar Pilgern. Die Geschichten waren so inspirierend, dass wir sie hier mit euch teilen möchten. Viel Spaß mit den 3 kurzen Reisegeschichten aus Santiago de Compostela:

Den Jakobsweg zum Dritten – Alex aus Montreal, Kanada

Drei! So oft ist Alex bereits den Jakobsweg gelaufen. „Der Weg ist jedes mal der gleiche, aber die Erfahrung immer eine andere.

Im Jahr 2001 und 2009 wanderte er den Pilgerweg nach Santiago de Compostela mit einem Freund. Beide mal in der Hitze des spanischen Sommers. Dieses mal war es anders. Alex war mit seinem Job in Montreal, Kanada, nicht mehr zufrieden. Also kündigte er. Er wollte etwas Zeit für sich, zum denken und um herunterzukommen. Und da rief ihn der Camino de Santiago wieder einmal. Alex entschied sich, diesmal alleine zu gehen und es wurde Herbst statt Sommer.

„Wenn du wanderst, denkst du manchmal sehr viel. Und machmal denkst du überhaupt nichts. Das kann auch eine absolute Erholung sein.“ – Alex

Was ist der größte Unterschied zwischen Heute und den beiden malen davor?

„Technologie! Damals in 2001 war Internetzugang noch sehr limitiert und nur ab und an konntest du einen Computer mit einer langsamen Internetverbindung finden. Heutzutage kann es passieren, dass jemand neben der geht, sein Handy am Ohr hat und irgendwelche Anweisungen ans Büro gibt. Außerdem ist der Pilgerweg heute viel beliebter. Dieses mal habe ich versucht in kleineren Orten außerhalb der größeren Städte zu schlafen. So hatte ich mehr Zeit für mich selbst. Klar, es gab auch Tage an denen ich die größeren Gruppen in den Städten gesucht habe. Menschlicher Kontakt ist ein wichtiger Teil der Reise.

Den Jakobsweg zum Dritten - Alex aus Montreal, Kanada

Joao aus Portugal und Holger aus Deutschland

Wir standen vor der berühmten Kathedrale, als wir zwischen all den Sprachen auch etwas Deutsches vernahmen. Wir trafen Holger, Sozialpädagoge aus dem schönen Osnabrück. Holger arbeitet gemeinsam mit Jugendlichen, die etwas Hilfe benötigen, wenn es in der Familie Probleme gibt oder allgemeine Problem, denen Teenager heute begegnen. Das verbreitetste Problem: Den eigenen Weg und Platz in der Gesellschaft finden.

Anstatt sich in der Theorie zu verlieren, wählte Holger den nächsten Schritt. Er startete die Initiative mit seinen Jugendlich den Jakobsweg zu laufen. Es ist die perfekte Metapher und ein praktischer Ansatz, der seinesgleichen sucht.

„Der Weg vermittelt Grundwerte des Lebens. Du musst dich auf die Reise begeben, niemand wird für dich diesen Weg gehen, aber vielen Menschen werden dir begegnen und dich unterstützen. Du musst Etappen bewältigen, verschiedenste Aufgaben angehen und du hast ein Ziel vor Augen: Santiago de Compostela.“ – Holger

Einer der Jugendlichen, die Holger betreut, ist Joao. Er ist 18 Jahre alt, portugiesischer Herkunft und spricht ein perfektes Deutsch. Er und Holger starteten gemeinsam den Jakobsweg von Pamplona aus. Sie wanderten sieben Tage lang Seite an Seite, bis Holger schließlich zurück nach Deutschland fliegen musste. Also ging Joao von da an alleine weiter – wie es im Vorfeld auch abgesprochen war. Drei Wochen später nahmen Holger und noch zwei seiner Jugendlichen den Flug zurück nach Spanien. Sie wanderten den letzten Teil des Camino de Santiago und sie trafen Joao wieder. 775 Kilometer später steht Joao mit seiner Urkunde in der Hand vor der Kathedrale von Santiago de Compostela. Er ist sichtlich stolz und glücklich.

Holger erzählt uns Joao’s größte Herausforderung auf dem Jakobsweg. Der Tag bevor er einen 1500 Meter hohen Berg vor sich hatte, erwischte ihn das Fieber. Er fühlte sich schwach und müde, aber er ging weiter anstatt sich auszuruhen und auszusetzen. Er wanderte den Berg hinauf und fing an zu beten. Ein Pilger kam vorbei und gab ihm ein paar farbenfrohe Tabletten. Joao nahm die Pillen, fühlte sich etwas besser und ging weiter. Aber nicht für sehr lange. Glücklicherweise kam ein Bus mit einer deutschen Gruppe vorbei und half ihm. Sie würden sich freuen Joao mitzunehmen, wenn er ihnen einen Gefallen tun würde: Er sollte im Bus von seiner Reise erzählen. Also, was tat er? Er nahm das Mikrophon, stellt sich im Bus vor die unbekannte Gruppe und erzählte vom größten Abenteuer seines noch jungen Lebens.

Wir fragten Joao, was er als nächsten vor habe. Er will das bekannte Work&Travel in Australien und vielleicht Neuseeland angehen. Wir kannten Joao vorher zwar nicht, aber das neue Selbstvertrauen, dass er durch den Jakobsweg gewonnen hat, war ihm deutlich anzumerken.

Sichtlich Stolz! Joao und seine Freunde vor der Kathedrale von Santiago de Compostela Sichtlich Stolz! Joao und seine Freunde vor der Kathedrale von Santiago de Compostela

Gymnasium beenden und auf zum Jakobsweg – Irland und die Niederlande

Sie saßen in der Sonne vor der Kathedrale von Santiago de Compostela, schrieben Postkarten und unterhielten sich. Wir haben mit den zwei Frauen aus Irland und den Niederlanden gesprochen, nachdem sie gerade erfolgreich den Jakobsweg gelaufen sind.

„Wir haben uns auf dem Jakobsweg kennengelernt. Wenn du wanderst, triffst du immer wieder die gleichen Menschen. Die letzten Schritte nach Santiago de Compostela sind wir zusammen gegangen. Jetzt sind wir angekommen. Ich fühle mich glücklich und traurig zugleich.“

Würdest du wieder den Jakobsweg gehen?

„Auf jeden Fall, aber vielleicht nicht jetzt. Vielleicht in 50 Jahren. Es wäre das allerbeste, wenn wir uns mit allen Menschen von der jetzigen Reise noch einmal treffen könnten und noch einmal den Weg nach erleben.“

Warum habt ihr euch auf den Jakobsweg begeben? Seid ihr religiös?

„Eher spirituell. Ich habe gerade das Gymnasium in Irland abgeschlossen und ich wollte reisen. Die Route hier ist sehr sicher für alleinreisende Frauen. Alle meine Freunde arbeiten bereits oder waren für dieses Abenteuer nicht zu begeistern. Also dachte ich mir, warum gehe ich nicht einfach alleine?!

„Das gleiche gilt für mich. Ich bin den Weg mit einer Freundin gestartet, sie ist gerade im Hostel. Wir haben ebenfalls gerade das Gymnasium in den Niederlanden beendet. Und bevor es an die Universität geht, wollten wir erst verreisen.

Gymnasium beenden und auf zum Jakobsweg - Irland und die Niederlande

Zusammenfassung 3 Kurze Reisegeschichten vom Jakobsweg:

Der „Plaza del Obradoiro“ ist ein sehr emotionaler Ort an dem sich Menschen aus aller Welt zusammenfinden. Du wirst Menschen weinen sehen, mal laut und mal leise. Du wirst sie still sitzend sehen, feiernd, traurig, fröhlich, befreit, umarmend. Und das alles auf wenig Quadratmetern gleichzeitig. Jeder einzelne Pilger hat seine eigene Motivation, Hintergrund, Geschichte, aber eines haben alle gemeinsam: Sie sind alle einzigartig und sie haben neue Freunde gefunden, während sie den berühmtesten Pilgerweg der Welt entlang liefen.

Geh‘ deinen Weg,
Anna&Matt